“Eveline & Jack” – Die wahre Geschichte über den Halloween-Brauch

Bildquelle: pixelio.de / Lilo Kapp
Bildquelle: pixelio.de / Lilo Kapp

Halloween ist erst seit wenigen Stunden vorüber – und wahrscheinlich klingelte es auch hierzulande am Montag wieder an vielen Türen. Der Halloween-Brauch ist längst von Übersee zu uns hinübergeschwappt – “Süßes – sonst gibt’s Saures!” wird jedes Jahr am 31. Oktober zum Motto vieler Mini-Hexen, Vampire oder Mond anheulender Werwölfe. Doch woher stammt dieser Brauch überhaupt; sich zu verkleiden und von Tür zu Tür zu ziehen und nach süßen Gaben zu fragen? Die Allermeisten unserer Leser dürften die ursprüngliche Geschichte von Halloween, woher die ganzen Bräuche stammen und warum der Kürbis beispielweise eine zentrale Rolle einnimmt, bereits zumindest ansatzweise kennen. Die “wahre Geschichte” über den Halloween-Brauch dürfte vielen aber bisher verborgen geblieben sein. In unserer Kurzerzählung “Eveline und Jack” werden die altbekannten Bräuche zu Halloween einmal aus anderer Sicht beleuchtet – und sie ist (so zumindest nach Meinung unserer Redaktion) auch die sehr viel unterhaltsamere und romantischere Version – und vielleicht nervt nach den folgenden Zeilen so manchen Leser beim nächsten Halloween-Fest das Dauer-Sturmklingeln der kleinen Monster nicht mehr ganz so sehr.

Eveline und Jack

Einsam und in einem Meer aus Tränen versunken, stand sie an seinem Grab. Irgendwo mitten in einem orange leuchtenden Kürbisfeld, das ihnen so viele Male schon als Zufluchtsort für gemeinsame Stunden zu Zweit gedient hatte. An einem kahlen Erdhügel, auf dem nach seiner Beisetzung nichts mehr sprießen wollte, erinnerte nur noch ein zusammengenageltes Kreuz aus Eichenholz an ihre Liebe: „Eveline und Jack – Im Herzen für immer vereint.“ Er war der einzige Mann, für den sie jemals etwas derart Starkes empfunden hatte. Sie kannten sich von Kindesbeinen an. Aus harmloser, verspielter Sandkastenliebe hatte sich mit den Jahren heftige Leidenschaft füreinander entwickelt. Sie hatte immer nur Augen für ihn gehabt; sein Herzschlag schien mit jedem Pochen ihren Namen zu rufen: „Eveline!“

Fast ein halbes Jahr war er nun schon fort. Es war ein wunderschöner Frühlingstag, an dem sie für einen klitzekleinen Moment unaufmerksam gewesen und den Abhang hinunter in den eiskalten Fluss gestürzt war. Jack hatte keine Sekunde gezögert und war ihr hinterher gesprungen. In der reißenden Strömung hatte er sie zu packen bekommen und zurück ans Ufer gehievt. Seine Kräfte hatten aber nur noch dazu gereicht, um sie sicher hinauf ins Trockene zu heben. Eveline hatte noch minutenlang seine Hand fest umklammert; versucht ihn hoch auf die Böschung zu ziehen. Doch vor Erschöpfung waren ihr irgendwann die Augen zugefallen. Der Fluss hatte ihn schließlich mit sich gerissen und erst drei Tage später wieder hergegeben.

Sie machte sich bittere Vorwürfe. Nachts weinte sie sich in den Schlaf, während sie ihre Tollpatschigkeit verfluchte – eine Eigenschaft, die Jack an ihr stets vergöttert hatte. Für Eveline jedoch hatte sich etwas Urschönes binnen eines Augenblicks in einen endlosen Albtraum verwandelt. „Warum hast du mich allein gelassen?“ fragte sie in den leeren Raum. Es war die letzte Oktobernacht, in der sie wieder vor Kummer keine Ruhe fand. In Gedanken stellte sie sich vor, wie Jack neben ihr lag und sie mit seiner starken Umarmung wärmte. In diesem Augenblick spürte sie sich ihm so nahe, dass sie sogar seinen Geruch wahrnehmen konnte. Jack und ihre Erinnerungen an ihn waren noch überall im Haus präsent. Doch so intensiv wie in dieser Nacht war es zuvor nie gewesen. Sie bildete sich seinen Duft nicht ein, er lag in allen Ecken ihres Schlafzimmers. Unter ihrer Matratze war ein leises Kratzen zu hören, als wenn jemand mit langen, spitzen Fingernägeln an den Holzlatten des Bettgestells schabte. Aus dem leisen Scharren wurde schnell ein eindringliches Klopfen, das sich mit gequält klingenden Stöhngeräuschen paarte. Als das Poltern unter ihrem Bett so zunahm, dass ihr gesamter Körper schon mitwippte, überwand sie alle Furcht und riskierte den Blick in Richtung Fußboden. In dem Moment, als sie rechts aus ihrer sicheren Kissenburg heraus schmulte, sah sie direkt in Jacks bleiches Gesicht, der sie genauso ungläubig zurückmusterte. Seine Kleidung war triefnass, seine Haut rissig und spröde. In seine dunkelblonden, glatten Haare hatten sich dunkle Strähnen gemischt. Trotzdem erkannte sie ihn sofort, als sie ihm in seine blaugrauen, hell strahlenden Augen schaute.

„Jack!“, stammelte sie nur immerzu, während sie mit beiden Händen über sein Gesicht fuhr, „Wie ist das möglich? Du warst fort!“

„Manchmal, wenn ein Licht zu früh erlischt“, erwiderte er mit leiser, beruhigender Stimme, „Dann macht das Schicksal eine Ausnahme. Dein Weinen hat mich zu dir zurückgebracht. Für einen Abend in jedem Jahr darf ich dich wiedersehen.“ Eveline fragte nicht weiter nach. Sie genoss jeden Atemzug, den sie mit Jack gemeinsam teilen durfte. In dieser Nacht schien es fast so, als hätten die Zeiger für beide Liebenden stillgestanden. Sie redeten viel und lagen sich danach stundenlang, eng umschlungen in den Armen. Alles war genauso wie früher. Als sie am darauffolgenden Morgen wieder ihre Augen öffnete, war er verschwunden. Von dort an kam Jack immer in der allerletzten Oktobernacht zu seiner großen Liebe zurück. Ihr Schrecken über seine Wiederkehr, wenn er urplötzlich aus dem Kleiderschrank hinaus stolperte oder in der Abenddämmerung ans Fensterglas klopfte, wich jedes Mal recht zügig der Erleichterung. Doch Jack hatte sie nie im vollen Umfang über die Ausmaße seines Paktes aufgeklärt, den er einst geschlossen hatte. Eines zumindest war unverkennbar: Mit jedem voranschreitenden Jahr zerfiel er äußerlich immer mehr. Bei seinem fünften Besuch fing die Haut schon an, sich von seinem Gesicht zu schälen. Im sechsten Jahr trug er deshalb eine alles verhüllende Robe, wobei er nur noch selten ins Licht trat. Beim abendlichen Spaziergang durch ihr altes Kürbisfeld sprach er die Worte aus, die ihm selbst so schwer über die Lippen kamen. Doch er spürte, wie die Sehnsucht nach dieser einen Nacht im Jahr ihr Gemüt mehr und mehr zerfraß.

„Dort, wo ich herkomme, altern die Körper nicht wie bei euch“, sagte er im flüsternden Ton, „Sie verfaulen. Ich kann nicht mehr ertragen, dass du mich ansiehst. Du musst mich ziehen lassen. Deshalb wird diese Nacht die letzte sein, die wir zusammen verbringen.“

Eveline flehte und bettelte, doch Jacks Entschluss stand fest. Am Morgen darauf war die Seite neben ihr im Bett wie immer leer. Entgegen seines Rates harrte sie wieder ein volles Jahr lang aus und fieberte auf den letzten Mond im Oktober hin. Im siebenten Jahr jedoch ließ sich Jack nicht blicken. Bei jedem Rascheln und Rumpeln in ihrem Haus schreckte Eveline freudig auf, aber die linke Seite ihres Lakens blieb in dieser Nacht kahl und verwaist.

Vier weitere Jahre vergingen, in denen sie immer in derselben sternenklaren Nacht geduldig auf ihrem Bett saß und darauf wartete, dass Jack zu ihr zurückkehrte. Doch mit jeder weiteren Enttäuschung starb Stück für Stück die Hoffnung auf ein erneutes Zusammensein. Ein reicher, hoch angesehener Gutsherr riss sie schließlich aus ihrer Einsamkeit. Er nahm Eveline bei sich auf, eroberte ihr Herz jeden Tag mit kleinen Liebesgesten aufs Neue. Hatte sie zuvor noch mit jedem Pulsschlag an Jack gedacht, wichen ihre Gedanken und Träume um ihn beinahe im Sekundentakt immer mehr ihren neuen Gefühlen. Nur wenn das Mondlicht am Ende jedes Oktobermonats direkt durch das Fenster schien, erinnerte sie sich noch zurück an die gemeinsamen Nächte mit ihrem verstorbenen Geliebten. Manchmal, so glaubte sie, hätte sie dumpfe Schritte auf dem Dachboden, ein leises Schlurfen unten im Wohnsalon oder das Knacken von Ästen draußen im Vorgarten vernehmen können. „Jack?“ hauchte sie dann immer leise. Doch aus der Dunkelheit hallte nie eine Antwort zurück.

Wieder hüllte sich der Sternenmantel über den letzten Oktobertag. In Evelines Bauch wuchs mittlerweile neues, junges Leben heran. Ihr Verlobter befand sich in der Bibliothek des riesigen Anwesens, als es kurz nach der Abenddämmerung an der Tür klopfte. Der Hausherr öffnete die massive, mit Einkerbungen und Goldgravuren verzierte Pforte im Eingangsbereich. Sofort stürmten zwei kräftige Burschen herein, sie knüppelten ihr verdutztes Gegenüber nieder und randalierten im gesamten Untergeschoss. Eveline, die sich in der oberen Etage bettfertig gemacht hatte, wollte nachschauen, woher der Lärm rührte und lief den beiden Eindringlingen dabei direkt in die Hände. Sie zerrten die Überrumpelte hinauf bis ins Schlafzimmer. Doch noch bevor der Erste sich über sie beugen konnte, wischte ein kräftiger Windzug durch den Raum. Etwas packte einen der Diebe, zog ihn unter das Bett und weiter in den Kleiderschrank. Während sich der Andere vergeblich mühte, seinen Kumpanen aus dem Schrank zu befreien, klangen hinter den fest verrammelten Spiegeltüren nur entsetzliche Schreie hervor. Ein Ohren betäubendes Knochenkrachen folgte, danach kehrte Stille ein. Die Türen öffneten sich wieder und der zweite Räuber blickte entsetzt auf das, was einmal sein Begleiter gewesen war. Jemand hatte ihn geradewegs in der Mitte durchgebrochen und wie ein Blatt Papier so zusammengefaltet, dass er haargenau in die Hutablage passte. Viel Zeit zum Grübeln hatte aber auch der Zweite im Bunde nicht, denn mit einem weiteren Windstoß wurde dieser durch das splitternde Fenster hinaus ins Freie gesogen.

Eveline hastete zum zerbrochenen Schlafzimmerfenster und sah noch im Augenwinkel, wie eine vermummte Gestalt den vehement zappelnden, um Hilfe winselnden Einbrecher hinaus in die dichten, tieffinsteren Wälder schleppte. Die wehklagenden Rufe wurden immer leiser und leiser, bis sie schließlich ganz verstummten. Eveline sackte zusammen. „Jack!“ flüsterte sie. Erst in diesem Moment verstand sie, welches Opfer er für sie gebracht hatte. Währenddessen kam ihr Verlobter im unteren Bereich des Hauses wieder zu sich. Eine tiefe, dröhnende Stimme aus dem Dunklen ertönte und hämmerte sich förmlich in sein Gehör.

„Sorge gut für sie, behandle sie wie deinen größten Schatz und überhäufe sie mit Gold und Süßem, wann immer ihr der Sinn danach steht“, sprach sie, „Behandelst du sie aber nicht so, wie sie es verdient, werde ich kommen, um dich zu holen!“

Seit diesem Abend stellte Eveline vor jeder letzten Oktobernacht einen Kürbis in den Vorgarten. An jedem Morgen danach waren kunstvolle Schnitzereien eingraviert, manchmal auch kleine Botschaften. Der Brauch wurde von ihrer Tochter und deren Nachfahren fortgeführt, und genauso wie selbiger verbreitete sich auch die Tragödie der beiden Liebenden, die selbst der Tod nicht trennen konnte, die Geschichte von Eveline und ihrem Jack.

(Alexius, Eveline und Jack – 2011)

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